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Katastrophenhilfe
 

Von einer 12-Jährigen gekidnappt

Save the Children-Mitarbeiterin Rowan Earl berichtet von den Tücken unseres Katastrophenhelfer-Seminars

Save the Children bereitet seine Katastrophenhelfer in Seminaren und Workshops auf ihren anspruchsvollen Einsatz in Katastrophengebieten vor. Rowan Earl, Teilnehmerin eines unserer Seminare in Bogota, Kolumbien, hat Tagebuch geführt.

 



 

Tag 1

 (Copyright: Save the Children, International Save the Children Alliance)Aus ganz Lateinamerika sind Kolleginnen und Kollegen von Save the Children nach Bogotá gekommen. Sie nehmen wie ich selbst an einem Seminar zur Vorbereitung auf ihren möglichen Einsatz in Katastrophengebieten teil.

Unser Training beginnt mit einem Informationsteil über das Land Kolumbien und seine Situation. Wir erfahren, dass es ein erhöhtes Sicherheitsrisiko in Kolumbien gibt: Die rasante Vermehrung von bewaffneten Gruppen in Kolumbien in den letzten Jahrzehnten ist alarmierend, die Folgen für die Kinder des Landes sind offensichtlich: Sie wachsen in einem Umfeld auf, dass von Gewalt bestimmt ist. Ständig sind sie in Gefahr, verletzt oder getötet zu werden. Als wir nach dem Briefing zu unserem eigentlichen Übrungsort aufbrechen, herrscht nervöse Aufregung. Mit dem Bus werden wir zu einem einfachen, aber wunderschönen Ort hoch oben in den Bergen gebracht.

Als wir ankommen, schlägt mein Herz schneller als normal. Ich merke, dass ich die einzige der insgesamt 21 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bin, die Spanisch nicht als Muttersprache spricht. Definitiv ein Nachteil. Das zeigt sich schon bei unserer ersten Aufgabe. Wir müssen uns selbst in Katastrophenteams einteilen. Ich komme kaum zu Wort...

Als ich nachts in meiner Koje liege, frage ich mich, wann sich wohl die riesige Spinne über meinem Bett auf mein Kopfkissen abseilen wird. Ich beobachte die Spinne und denke über den ersten Tag nach. Trotz meines Sprachproblems beschließe ich, die Zeit hier in den Bergen zu nutzen und ein starkes Mitglied meines Teams zu werden.

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Tag 2

Heute beginnt die Simulation einer Katastrophe. Bereits am Morgen unterbrechen wir unsere ersten Einsätze, um über internationale Verhaltensregeln von Organisationen in Katastrophensituationen zu sprechen. Natürlich liegt der Schwerpunkt auf Save the Children. Es gibt viele verschiedene Verhaltensregeln, z.B. die Sphere-Prinzipien, die ECHO-Richtlinien oder die Regeln des Roten Kreuzes. Save the Children hat sie alle unterzeichnet. Das gibt mir die Gewissheit, dass meine Kollegen im Einsatz mit Effizienz, Sensibilität, Mobilität und besonders nachhaltig helfen. Dabei achten sie vor allem auf das Gebot der Menschlichkeit. Eigentlich arbeite ich im Büro in London, weit weg von den Einsätzen in Katastrophengebieten. Hier im Seminar bekomme ich immer mehr Respekt vor den Menschen, die in Katastrophengebieten arbeiten, um Menschenleben zu retten.

 (Copyright: Save the Children, International Save the Children Alliance)Nachmittags hallen die Geräusche von Explosionen aus dem Tal zu uns in die Berge. Aber sie sind zu weit weg, um uns zu beunruhigen. Außerdem sind wir stark damit beschäftigt, uns auf die Katastrophensituationen einzulassen, vor die uns das Organisationsteam stellt.

Am Abend kommen wir in kleinen Gruppen zusammen, um Feedback von unseren Teams und den Trainingsleitern zu erhalten. Meine Aufgabe war am heutigen Tag vor allem, die Informationen aus dem Katastrophengebiet per Funkgerät an alle Beteiligten zu verbreiten. Ich habe zwar verstanden, wie das grundsätzlich funktioniert, bin aber enttäuscht von mir, weil ich nicht so schnell war, wie ich es mir selbst gewünscht hätte.

Aber ich habe gemerkt, worauf es in einer Krise wirklich ankommt: Die Auswirkungen der Katastrophe so genau wie möglich einzuschätzen und die richtigen Leute zu informieren. Und das so ruhig wie möglich. Das muss ich noch lernen. Und besser hier oben in den Bergen Kolumbiens als in einer richtigen Notsituation, wenn schnelle und genaue Informationen über die Situation über die Rettung von Menschenleben entscheiden.

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Tag 3

Ich werde zunehmend unzufriedener mit der Struktur unseres Teams. Wir sind zu kompliziert, es fehlt uns an Klarheit. Wie sollen wir so in einer Notsituation vernünftig helfen können? Ich sehe, dass David aus Bolivien das an diesem Morgen auch so sieht – also nehmen wir die Sache in die Hand. Die Diskussion mit David – wir kommunizierten mit unseren Händen und vielen bunten Kritzeleien an der Tafel – ist einer meiner tollsten Momente in dieser Woche: Wir lösen unsere Probleme auf praktische Art und Weise, um wirklich etwas bewirken zu könnten.

Mit guter Laune stoße ich zu Gina aus Peru, mit der ich zusammen den Nachmittag über Berichte für Save the Children in den USA schreibe. Wir machen Aufstellungen über die benötigte finanzielle Unterstützung und deren Verwendung. Das verlangt viel Geduld und Konzentration von uns. Beides eine große Herausforderung, wenn man wie wir neben dem Katastrophen-Kommunikationsteam sitzt, wo ständig geschrien wird, die Kollegen umherlaufen und jede Minute eine neue Nachricht aus den Funkgeräten dröhnt.

Später ändern die Organisatoren selbst die Struktur meines Teams. David und ich lächeln uns wissend zu: Scheinbar lagen wir nicht völlig daneben. Die Teamleiter schlagen eine Lösung vor, die unserer eigenen stark ähnelt. Auch Save the Children USA ist mit unseren Berichten zufrieden. Wir bekommen deshalb die finanziellen Mittel für unsere erfundene Katastrophenhilfe zur Verfügung gestellt, auch wenn es sich nur um Spielgeld handelt…

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Tag 4

 (Copyright: Save the Children, International Save the Children Alliance)Heute bin ich Teil des Teams, das mitten ins Einsatzgebiet hineingeht, um die Auswirkungen der Katastrophe einzuschätzen und einen detaillierten Nothilfeplan anzufertigen. Dummerweise werden wir von einem 12-jährigen Mädchen ausgetrickst und gekidnappt. Das Kind wurde vom Organisationsteam eingesetzt, um uns zu zeigen, wo überall Gefahren drohen können. Das restliche Team in der Zentrale muss deshalb die nächsten zwei Stunden damit zubringen, meine Freilassung und die von drei anderen Teammitgliedern auszuhandeln. Ups! Ich hätte vorsichtiger sein sollen, als ich das Mädchen mit komischer Perücke und Dreitagebart das erste Mal sah. Eine schmerzhafte Lektion!

Nachmittags fühle ich mich nicht sonderlich nützlich für mein Team. Wir planen die einzelnen Nothilfeprogramme, ein Arbeitsfeld, in dem ich keinerlei Erfahrung vorweisen kann. Dennoch lobt mich mein Team abends so sehr, dass ich wieder Mut und Vertrauen für die nächsten Tage fasse. Es ist unglaublich, wie es trotz der Sprachunterschiede möglich ist, sich in ein Team zu integrieren. Ich merke, dass man trotzdem offen und nützlich auf andere wirken kann, auch wenn man innerlich frustriert ist.

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Tag 5

Letzte Nacht mussten wir zeigen, wie wir auf ‚ungewöhnliche Umstände‘ reagieren. Ich war Anführer der Informationskette meines Teams. Glücklicherweise kann ich mittlerweile mit dem Funkgerät viel besser umgehen. Wir mussten auf viele unvorhergesehene Dinge im Einsatzgebiet reagieren. Das fühlte sich an wie eine wirkliche Katastrophe, nicht wie ein Spiel. An Schlaf war nicht zu denken.

Nach einer Nacht mit so gut wie keinem Schlaf scheint der Tag heute sehr hart zu werden. In meiner neuen Aufgabe habe ich mehr Verantwortung als zuvor. Ich bin Leiterin des Logistikteams: Management der Aktivitäten des Teams und Koordination des ‚großen Bildes‘, das sind meine Aufgaben. Aufregend aber auch erschreckend, denn ich weiß nichts über Logistik.

Abends finden wir einen großen Krebs in unserem Zimmer, der uns mit seinen Scheren entgegenwinkt. Wie er dorthin gekommen ist, bleibt ein Rätsel.

Ich bin stolz auf die Leistung meines Teams, wir alle haben heute viel über Logistik in Notsituationen gelernt. Jetzt bin ich müde und freue mich auf meinen Schlaf.

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Tag 6

 (Copyright: Save the Children, International Save the Children Alliance)Am Morgen des letzten Tages präsentieren wir sehr detailliert einen neuen Bericht über den Finanzbedarf für die Katastrophenhilfe. Sonst läuft alles normal, so weit man in einer Notsituation von Normalität sprechen kann.

Nachmittags bekommen wir alle individuelle Rückmeldung von den Organisatoren. Ich bin sehr erleichtert, als ich höre, wie mein Gruppenleiter über mich denkt. Es ist sehr schwierig, sich selbst einzuschätzen, wenn man nicht weiß, ob man die richtigen oder falschen Entscheidungen getroffen hat. Neben vielen praktischen und technischen Dingen habe ich vor allem dies gelernt:

  • Mein Gesicht sieht manchmal gestresst aus (Hmmm, ich bin mir nicht ganz sicher, was dagegen helfen soll – ich denke über eine ‚Zorro‘- Maske nach…)
  • Menschen müssen viel Wasser trinken, wenn sie unter Druck arbeiten. Und ich meine wirklich viel!
  • Man kann die Zukunft nicht vorhersehen, aber man kann sich darauf vorbereiten. Dazu gehören Teamwork, zu wissen, wann man führt und wann man folgt, effektive Kommunikation und Ausdauer. Man muss nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf sein Team aufpassen. Schließlich müssen wir uns darauf konzentrieren, weshalb wir alle für Save the Children arbeiten: Um Kindern in Notsituationen zu helfen. Nur wenn wir alle gut vorbereitet sind und in der Save the Children Alliance zusammenarbeiten, können wir das Beste aus unseren Anstrengungen herausholen.

Den Rest unserer Zeit in Santanderista verbringen die Kolleginnen und Kollegen mit der Vorbereitung für Ernstfälle. Ich hingegen habe eher ein unglamouröses Ende und liege mit Bauchweh im Bett. Aber das ist es wert: Ich habe in der kurzen Zeit viel gelernt. Fehler wurden gemacht, die Initiative ergriffen und Sprachbarrieren überwunden. Die einzige Frage, die bleibt: Wo können wir als nächstes helfen?

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26.05.2008