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Viele Menschen in Deutschland kennen Nepal nur aus dem Fernsehen. Schneebedeckte Himalaya-Gipfel, farbenfrohe Volkskunst und eine geheimnisvolle Kultur flimmern über unsere Bildschirme. Aber nur wenige Menschen wissen, dass in Nepal erst Ende 2006 ein zehn Jahre dauernder Bürgerkrieg beendet wurde. Die Folgen dieses Krieges spüren vor allem die 11 Millionen Kinder: Ihre Schulen sind zerstört und ihre Rechte werden mit Füßen getreten. Deshalb führt Save the Children zahlreiche Projekte in Nepal durch, die den Menschen des Landes helfen, für sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft ohne Krieg und Gewalt aufzubauen. Um sich von dem Erfolg unserer Projekte in dem asiatischen Land selbst zu überzeugen, flog Gaby Allrath, Marketingleiterin bei Save the Children Deutschland, Ende 2007 nach Nepal. Sie berichtet über ihre Erlebnisse:
Von Dhulikhel aus hat man einen traumhaften Blick auf die umliegenden Berge. Gestern sind wir nach zwei Stunden Fahrt aus der Hauptstadt Kathmandu hier angekommen und haben in einem einfachen kleinen Gasthaus übernachtet. Jetzt werden wir uns gleich auf den Weg in das erste Projekt machen: Wir besuchen heute eine kleinen Schule, die auf 1.600 Meter über dem Meeresspiegel am Fuß des Himalayas liegt. Bei unserer Ankunft haben sich die Kinder in ihren rot-weißen Schuluniformen ordentlich vor dem Gebäude aufgereiht, um uns mit Blumenkränzen zu empfangen. Aber die überwältigende Gastfreundschaft, die ich in Nepal immer wieder und wieder erlebe, kann nicht darüber
hinwegtäuschen, dass die Situation für Schulkinder in Nepal alles andere als einfach ist. Es fehlt an Büchern und Lehrmaterialien, der Staat zahlt nur einen Teil der Lehrergehälter und oft drängen sich zu viele Kinder in einem zu kleinen Raum. Wie in fast allen Schulen Nepals sind auch hier die Schulklassen bunt gemischt: Je nach Bildungsstand gehen ältere und jüngere Kinder in dieselbe Klasse. Weil viele der Kinder durch die unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln für ihr Alter auch noch viel zu klein sind, ist es für mich fast unmöglich, das Alter der einzelnen Kinder zu schätzen.
Es ist beeindruckend, wie engagiert die Menschen sind, von den Kindern selbst über die Eltern und Lehrer bis zu den Projektmitarbeitern. Alle tun ihr Bestes, um den Mädchen und Jungen eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Immer wieder erzählen uns die Erwachsenen, dass sie selbst nie lesen und schreiben gelernt haben und dass sie für ihre Kinder unbedingt ein besseres Leben wollen. Damit dieser Traum wahr wird, hilft Save the Children, indem wir kindgerechte Lehrbücher bereitstellen und den Lehrern beibringen, wie sie ihre Schüler am Besten unterrichten. Da ich weiß, dass in armen Ländern wie Nepal die Unterrichtsmethoden oft mehr als nur antiquiert sind, huscht mir ein Lächeln übers Gesicht, als ich die Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Klassenraums betrachte. Dort hängen Poster, auf denen in mühevoller Arbeit für jeden Buchstaben des englischen und des nepalesischen Alphabets Begriffe aufgemalt wurden. Und vor jedem der Worte leuchtet das dazugehörige Bild in bunten Farben. Das Y kenne ich nur zu gut: Es ist ein „Yak“. Die langhaarigen Rinder verteilen wir nur wenigen hundert Kilometer von hier an tibetanische Familien, um sie mit Wolle, Milch und Fleisch zu versorgen. Aber dass jemals eins der um mich herum sitzenden Kinder das Z-Zebra tatsächlich zu Gesicht bekommen wird, wage ich zu bezweifeln. Dank des kleinen Bildes vor dem Z wissen die Kinder in dieser Schule nun wenigstens, wie ein Zebra aussieht.
15. November 2007 Der lange Bürgerkrieg zwischen Maoisten und der Regierung hat das Bildungssystem in Nepal stark geschädigt. Das sieht man besonders im südlichen, flachen Teil des Landes, dem Terai. Hier, im Grenzgebiet zu Indien, sieht Nepal ganz anders aus als auf allen Postkarten: Das Land ist flach und fruchtbar im Einzugsgebiet des Ganges, aber auch von Überflutungen bedroht. Immer wieder sehen wir die Folgen der Überschwemmungen vor einigen Monaten. Heute steht der Besuch eines Siedlungsprojekts auf dem Programm. Für Europäer ist es fast unvorstellbar, aber in Nepal gab es bis vor wenigen Jahren noch Leibeigene. Die Befreiung aus der Schuldknechtschaft im Jahr 2000 stellte die ca. 30.000 betroffenen Familien allerdings vor neue Probleme: Plötzlich hatten sie kein Dach mehr über dem Kopf, kein Land und keine Möglichkeit, ihre Kinder zu versorgen. Mit der Hilfe von Save the Children hat sich die Situation zumindest für einen Teil der Familien inzwischen entspannt: Sie haben kleine Häuser mit etwas Land bekommen, so dass sie selbst Gemüse anbauen können, und ihre Kinder gehen nun zur Schule.
In den Siedlungen gibt es aber immer noch viele Probleme. Menschenhändler nutzen nur allzu oft die Situation aus und gaukeln den Eltern vor, dass ihre Kinder es besser haben, wenn sie in Indien als Hausangestellte arbeiten. Dass das nicht stimmt, dass die Kinder stattdessen oft misshandelt und missbraucht werden, wissen viele Familien nicht. Save the Children unterstützt die ehemaligen Leibeigenen aber nicht nur beim Aufbau eines selbstbestimmten Lebens, sondern hilft auch durch Aufklärungsarbeit. Die Kinder in der Siedlung und ihre Eltern werden über die Gefahr durch Kinderhändler informiert, und die Jungen und Mädchen tragen diese Information selbst weiter. Wie das praktisch funktioniert, sehen wir zum Abschluss unseres Besuchs bei einer Straßentheater-Aufführung, in der einige Jugendliche aus der Siedlung die Rollen des Menschenhändlers, der nichtsahnenden Eltern und betroffenen Kinder übernehmen. Als der Menschenhändler am Ende des Stückes unter lauter Anfeuerungsrufen aus dem Publikum seine gerechte Strafe erhält, bin ich froh, zu wissen, dass diese Kinder nicht mehr Opfer von falschen Versprechungen werden.
Heute hat uns unsere Reise in eine unzugängliche Bergregion im Distrikt Surkhet geführt. Die abgelegenen Dörfer in dieser Region waren bis vor wenigen Jahren unter Kontrolle der maoistischen Rebellen. Immer wieder passieren wir Straßensperren der Regierung, an denen unser Fahrer Papiere vorlegen muss, bevor wir weiterfahren dürfen. Als eine nepalesische Kollegin uns erzählt, dass die Straße, auf der wir uns befinden, vor zwei Jahre noch aufgrund von Landminen unpassierbar war, wird mir doch ein wenig mulmig. Aber nach mehreren Stunden Fahrt mit einem Geländewagen über eine Schotter- und Sandpiste (es handelt sich um den örtlichen Highway, der größten und besten Straße in der Region) kommen wir schließlich wohlbehalten in einer weiteren Schule an. Bei der Besichtigung eines Klassenzimmers staune ich nicht schlecht, denn hier hängen neben den inzwischen vertrauten Postern mit den Buchstaben und den Bildern von Yak und Zebra noch weitere Poster, die Buchstaben in Gebärdensprache darstellen. Zu den Schülern gehören nämlich nicht nur Kinder aus der unmittelbaren Umgebung, sondern auch zwölf gehörlose Kinder, die zum Teil von weit her kommen. Für eine Schule, die mitten in einem ehemaligen Bürgerkriegsgebiet liegt, ist das doppelt bemerkenswert, denn es gibt überhaupt kaum Schulen in Nepal, an denen behinderte Kinder unterrichtet werden. Der Schulleiter ist zu recht stolz auf seine Schule. Er bittet uns aber auch um mehr Unterstützung, da er das Gehörlosenprogramm gerne ausbauen würde, ihm dazu aber die Mittel fehlen. Wir versprechen ihm, dass wir den Menschen in unserer Heimat von den gehörlosen Kindern erzählen werden, die sehnsüchtig darauf warten, endlich auch zur Schule gehen zu dürfen.
Als wir den Kindern und ihren Lehrern zum Abschied zuwinken, bin ich davon überzeugt, dass Save the Children in dieser Schule wirklich etwas bewegt hat. Endlich können auch die Kinder hier oben in den Bergen und in vielen anderen abgelegenen Gegenden Nepals jeden Tag zur Schule gehen. Durch unsere Fortbildungen haben die Lehrer gelernt, wie sie Wissen auf kindgerechte Weise vermitteln können. Und letztendlich ist es auch ein Erfolg, dass überhaupt so viele Mädchen und Jungen jeden Tag in diese Schule kommen: Ihre Eltern haben endlich verstanden, dass in der Bildung ihrer Kinder auch ihre eigene Zukunft und die Zukunft des ganzen Landes liegt.